Gold in der Kategorie Onlinetraining
Wie aus 342 Normanforderungen eine Lernstrecke mit Goldmedaille wurde
„Manchmal beginnt eine Katastrophe mit einem kleinen Fehler: Eine Schweißnaht an einer Schiene bricht, ein Zug entgleist, Wagen geraten auf das Nachbargleis und kollidieren mit einem entgegenkommenden Hochgeschwindigkeitszug.“
Mit diesen Worten haben wir unseren Pitch beim Europäischen Trainingspreis 2026 eröffnet. Ein ernster Einstieg für ein ernstes Thema. Denn in der Eisenbahnindustrie ist Qualität kein nettes Extra, Qualität sorgt für Sicherheit.
Am Ende stand fest: Gold in der Kategorie Onlinetraining. (Ja, wirklich!)
Was ist der Europäische Trainingspreis?
Der Europäische Trainingspreis wird jedes Jahr vom BDVT vergeben, dem Berufsverband für Training, Beratung und Coaching. Seit 1992 holt er Trainings, Methoden und Tools vor den Vorhang, die durchdacht gestaltet sind und nachweislich wirken.
Eingereicht haben wir zu dritt: Luise Nitsche, Ursula Tacke und ich. Doch worum ging es eigentlich?
Die Ausgangssituation: Die Norm in 342 Anforderungen, vorgelesen
Die Eisenbahnindustrie hat ihre eigene internationale Qualitätsnorm: IRIS. Wer danach zertifiziert werden will, braucht interne Auditor:innen, die die Norm verstehen und anwenden können.
Und wie wurde das bisher vermittelt? 20 Jahre lang mit einem fünftägigen Präsenztraining in Brüssel. Alle 342 Anforderungen der Norm standen eins zu eins auf den Folien und wurden im Wesentlichen vorgelesen. Fünf Tage. Normtext. Vorgelesen.
Lernen und Anwenden? Blieben auf der Strecke. (Und ja, das Wortspiel bei einem Bahnthema ist Absicht.)a
Und dann? Zeit für einen Fahrplanwechsel!
UNIFE, der Verband der europäischen Bahnindustrie, hat seine Mitgliedsunternehmen gefragt, was sie wirklich brauchen. Die Antwort war klar: ein Onlinetraining, das für kleine, mittlere und große Unternehmen funktioniert, weltweit ausgerollt werden kann und vor allem eines schafft: den Transfer in die Praxis.
Nicht mehr Wissen über die Norm. Sondern Menschen, die mit der Norm arbeiten können.
Weniger Inhalt, mehr Verständnis
Luise und Ursula brachten die Fachexpertise ein, ich das Trainingsdesign. Zu Beginn lag ein beachtlicher Stapel PowerPoint-Folien auf dem Tisch (sehr beachtlich!). Es folgte ein gemeinsames Raufen um jede einzelne Folie: Was ist wirklich wichtig? Was darf gehen?
Und irgendwann machte es Klick. Die Teilnehmenden müssen nicht die ganze Norm im Kopf haben. Sie müssen verstehen, wie man sie liest und anwendet.
Das hat das Training verändert. Statt Normtext auf Folien arbeiten die Teilnehmenden direkt mit der Norm selbst: die richtige Stelle finden, dort weiterlesen, verstehen, was zu tun ist. So bewegen sie sich bald sicher durch die Norm. Und genau das brauchen sie später im Unternehmen.
Die Umsetzung: 17 Online-Module mit klarem Takt
Jedes der 17 Module folgt demselben Aufbau. Das gibt Orientierung und hält den Kopf frei für das Wesentliche:
- Information: Die Anforderungen werden erklärt, und etwa alle fünf Minuten sind die Teilnehmenden selbst gefragt: mit eigenen Definitionen, Beispielen aus dem Unternehmen oder kurzen Umfragen. Zurücklehnen ist nicht vorgesehen.
- Example: Eine durchgängige Fallstudie begleitet das Training: ein mittelständischer Hersteller von Eisenbahntüren, mit allen Dokumenten, Prozessen und Formularen.
- Erfahrung: Viele Übungen laufen in Kleingruppen auf dem Miro-Board. Ausprobieren statt zuhören.
- Transfer: In 22 Transferaufgaben übertragen die Teilnehmenden das Gelernte ins eigene Unternehmen.
- Focus On: Zum Schluss jedes Moduls geht es um die typischen Stolpersteine bei der Einführung der Norm und darum, wie man sie gar nicht erst entstehen lässt.
Die Lernstrecke: 5 Trainingstage in 5 Wochen
Statt einer Woche am Stück gibt es fünf Online-Trainingstage, verteilt auf fünf Wochen. Dazwischen passiert das Entscheidende: Die Teilnehmenden setzen das Gelernte im eigenen Unternehmen um.
Ein Kick-off stellt die Lernstrecke vor. Jeder Trainingstag startet mit einem Recap, das ganz nebenbei auch auf die Prüfung vorbereitet. Gearbeitet wird auf einem gemeinsamen Miro-Board in wechselnden Gruppen und auf einem persönlichen Board mit täglichem Feedback der Trainerinnen. Dazu kommen ein 1:1-Coaching und eine Online-Prüfung, die die Teilnehmenden dann ablegen, wenn sie sich bereit fühlen.
Das Ergebnis: global standardisiert und trotzdem ganz individuell. Teilnehmende aus Europa, China und Indien lernen gemeinsam, und jede:r arbeitet an den Fragen des eigenen Unternehmens. Für die Transferwirksamkeit haben wir uns an den 12 Stellhebeln von Ina Weinbauer-Heidel orientiert.
Der Erfolg: von 55 auf 3 Prozent
Schöne Konzepte gibt es viele. Aber wirkt es auch?
Ja. Und zwar messbar. Die Durchfallquote bei der Abschlussprüfung sank von 55 % auf 3 %. Bei gleicher Prüfung!
Zudem hat sich die gemessene Performance in der Eisenbahnindustrie seit 2024 um 21 % verbessert. Training ist dabei natürlich nur ein Baustein. Aber einer, der zu mehr Sicherheit im Bahnverkehr beiträgt!
Und was sagen die Teilnehmenden?
Die täglichen Recaps, die wechselnden Gruppen und die Transferaufgaben wurden als besonders wertvoll erlebt. Und dann kam ein Feedback, das ich mir am liebsten einrahmen würde: Normtraining kann tatsächlich Spaß machen.
Normtraining. Spaß. In einem Satz.
Gold, bevor die Jury entschieden hat
In der Bahnindustrie gibt es bei der Performance übrigens auch Bronze, Silber und Gold. Am Ende unseres Pitches haben wir uns deshalb schon einmal selbst Gold verliehen. Die Jury hat das bestätigt.
Mein Dank gilt Luise und Ursula für die großartige Zusammenarbeit und so manche leidenschaftliche Folien-Diskussion. Und UNIFE, die als Auftraggeber dieses Projekt initiiert und den Mut hatten, ein bekanntes Format komplett neu zu denken.
Braucht dein „langweiliges“ Thema auch eine Frischzellenkur?
Ich bin überzeugt: Es gibt kein langweiliges Thema. Es gibt nur schlechtes Training.
Wenn du also ein Training hast, bei dem alle schon beim Blick in den Kalender seufzen: Melde dich gern bei mir. Denn wenn Normtraining Spaß machen kann, dann kann das jedes Training!